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Aus dem Heimatbrief Nr. 93 vom Juni 1999

Meine Ochsen

erzählt von Sebastian Luhmer

Meine Brüder lernten beide ein Handwerk. Ich sollte auch eines lernen und wurde nach Muffendorf zu den drei Brüdern Brenig geschickt, die Kaufmann, Huf- und Wagenschmied und Landwirt waren. Ich war meist bei dem Jüngeren in der Landwirtschaft. - 1929 von Ostern bis Herbst. Dann sagte mein Vater: „Wenn du draußen auf dem Feld arbeiten willst, kannst du auch hier bei mir bleiben“.

Mein Vater war über 60 Jahre Küster an St. Gereon und hatte eine kleine Landwirtschaft dabei: drei Kühe (Sie wurden auch angespannt), ein Ochse, Schweine, Hühner und Enten, eine Ziege, deren Milch zum Ferkelaufziehen gebraucht wurde. Mein Elternhaus stand direkt neben der Kirche. Das Wohnhaus war die heutige Sakristei. Anschließend stand das Schulhaus, dann kam der Stall.

Schwierige Arbeitsverhältnisse

Da wir zu der Zeit in Niederbachem schlechte Wegeverhältnisse hatten, waren die Zugtiere schnell verbraucht. Der einzige mit Kies befestigte Weg war die heutige Rolandstraße. Es waren alles steile Hohlwege - gleichzeitig Weg und Wasserlauf. Zum Futterholen und Mistfahren hatten die Bauern zweirädrige Karren mit einer Schere, in der das Pferd oder der Ochse eingespannt war. Beim Bremsen bergab wurde der Bremsdruck übertragen bis zum Sattel des Tieres. Es mußte dadurch die Wagenladung und den Bremsdruck tragen. Je steiler es bergab ging, umso mehr Last kam auf das Tier. Durch die schlechten Wegeverhältnisse wurde das Tier mit der Schere hin- und hergeschlagen.

Der Ochse mußte jährlich ausgewechselt werden. Er wurde dann im Winter zum Schlachten gemästet und im Frühjahr ein neuer gekauft. Der Viehhändler Levy aus Mehlem hatte den Viehhandel in der Gegend. Dort konnte man angelernte Ochsen kaufen, die zugfest waren. Um den neuen Ochsen zu bezahlen, reichte der Verkauf des alten Ochsen nicht. Ich dachte, ich kann auch selber Ochsen anlernen und kaufte mir zwei junge Ochsen von einem halben bis dreiviertel Jahren in Koblenz. Die Koblenzer Ochsen waren besser als die Eifeler, da sie eine bessere Futtergrundlage hatten.


Zweirädrige Karre in der ehemaligen Hauptstraße, heute Konrad-Adenauer-Straße, 30er Jahre (Foto: Unkel)

Wie ich meine Ochsen anlernte

Zuerst kamen sie tagsüber auf die Weide am Langenbergsweg, wo sie auch Wasser hatten. Damals durfte man die Tiere nachts nicht draußen lassen. Es war Sitte, daß ein Tier nachts im Stall sein mußte. Das Anlernen der Ochsen kostete viel Geduld und Zeit. Wenn ich die Ochsen morgens und abends auf die Weide und zurück brachte, bekamen sie die Kommandos schon beigebracht: Müh = Halten, Jo = Antreten, Hot = Rechts, Ha = Links. So verfuhr ich mit allen Ochsen. Später bei der Arbeit wurden diese Kommandos immer gebraucht. Durch den Weidegang wurden die Ochsen muskulös. Ich hängte ihnen ab und zu ein Joch über, daß sie sich daran gewöhnten. Es war dann kein Problem, die Ochsen an den Wagen zu spannen. Ich gebrauchte die zweirädrige Karre nicht mehr, da sie zu arbeitsintensiv für das eine Tier war.

Ich kaufte immer ein Gespann und hatte dadurch vier oder manchmal sechs Ochsen. Die jüngeren lernten das Ziehen mit den älteren. Am Wagen kamen die älteren Ochsen nach vorne und mußten die Hauptlast ziehen, die jüngeren dahinter hatten es leicht und machten mit. Beim Pflügen und Eggen spannte ich einen jüngeren zwischen zwei ältere. Das Jungtier kam an einen längeren ..Amschied“ (= Ortscheid), damit es nicht gleich überanstrengt wurde, und es lernte ganz leicht, was es machen mußte. Das Anlernen zur Arbeit war jetzt gar keine Mühe mehr für mich, es ging ganz automatisch. Die Gespanne waren in jeder Arbeit arbeitswillig und zugfest. Ich konnte sie daher auch gut verkaufen. Die Nachfrage im Krieg war groß, da die Pferde zur Wehrmacht mußten.

Ich wurde am l. Januar 1939 zur dreimonatigen Übung auf den Venusberg eingezogen. Danach war ich bis August zu Hause, dann kam ich in den Krieg bis Peter und Paul im Juni 1945. Mein Vater hatte ein Ochsengespann behalten. Als ich nach Hause kam, fand ich ein sieben Jahre altes Gespann vor, das nicht mehr zu gebrauchen war. Dann schaffte ich einen Traktor an. (Siehe Heimatbrief Nr. 86)

Feld- und Soldatengeschichten

Einmal fragte mich Willem, ob ich seinen Weizen auf der Süß (Ende Rolandstraße) mähen könnte. Es war Kurzweizen, der schlecht mit dem Sich (kurzstielige Sense) abzumähen war. Andres sollte mit seinen Ochsen fahren. Er führte sie von Hand, gab aber nicht acht, wie die Tiere liefen - ob die Mähmaschine mit Mähbalken und Gatter, die von einer zweiten Person bedient werden mußte, ins Getreide fuhr. Es wurden Schlangenlinien gefahren und ich konnte auf der Maschine nicht richtig arbeiten. Ich sagte: „Heute nachmittag bringe ich meine Ochsen mit und Andres kann die Garben binden.“ Meine Ochsen gingen auf Kommando ohne Zügel, und ich war auf der Maschine allein. Wenn nötig dirigierte ich sie mit einer langen Peitsche, die bis zu den Ohren ging. Zuerst fuhr ich die Wellenlinien raus. Wir mähten bis zum Kaffee. Dann kam Will und sagte „Wenn du später mit de Frau so gut parat küst wie mit de Ochse, dann heste ad de Himmel op de Erd.“

Auch während meiner Soldatenzeit begegneten mir die Ochsen. Ich wurde von Dänemark nach Urfeld versetzt. Am zweiten Tag am Geschütz kam ein junges Mädchen von ungefähr 20 Jahren mit einem Gespann Ochsen zum Eggen auf die Parzelle, auf der unser Geschütz stand. Die Ochsen waren so stur, sie hörten und merkten nichts. Ich ging hin und eggte das Feld fertig und zeigte dem Mädchen, wie man mit Ochsen fahren muß. Nachmittags arbeitete sein Vater selbst mit ihnen und fragte, was ich mit den Ochsen angefangen hätte, sie gingen ja fast wie die Pferde. So entstand ein sehr gutes Bratkartoffelverhältnis zwischen Wilhelm Becker und Sebastian Luhmer. Es bestand bis weit nach dem Krieg. Ich war abends steter Gast. Von uns bekam er Weichkäse und Limburger.

Einmal war Inspektion vom Regimentskommandeur, bekannt unter dem Namen „Nordwind“. Er hatte einen Erlaß herausgegeben, daß die Stellungen den örtlichen Begebenheiten angepaßt werden müßten. Wir hatten eine neue Stellung bezogen und mußten sie tarnen und neu einsäen. Ich holte mir die Ochsen von Becker und säte Weizen zur Tarnung. Während der Arbeit kam Herr „Nordwind“. Ich machte Meldung: „Dem Erlaß gemäß Tarnung in Arbeit.“ „Sie sind Unteroffizier und arbeiten mit Ochsen. Schämen sie sich nicht?“ „Nein, Herr Oberst,“ sagte ich, „das sind meine Arbeitskameraden. Wir arbeiten ihrem Erlaß nach.“ Es durfte ihm keiner widersprechen. Aber er schluckte es und ging.

Mit Pferden und Eseln konnte ich genausogut umgehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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