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Aus dem Heimatbrief Nr. 95 vom Mai 2000

ERDBEBEN IM DRACHENFELSER LÄNDCHEN

In Deutschland gibt es drei Regionen erhöhter Erdbebengefährdung: Die Schwäbische Alb, das Dreiländereck um Basel, und die Niederrheinische Bucht nördlich von Aachen. Für die Risikoabschätzung stützen sich die Seismologen auf die zwölfstufige, also nach oben geschlossenen Meßskala, die ursprünglich von dem Italiener Mercalli entwickelt worden war. Gemessen wird dabei nicht die absolute Stärke eines Bebens, sondern die seismische Intensität mit ihren gefährlichen Wirkungen an der Erdoberfläche.

Schwingen bei einem Beben beispielsweise die Bilder an der Wand und klappern Fenster und Geschirr, erreichen die seimischen Wellen am Ort der Beobachtung die Intensität 4. Bei der Intensität 7 fallen schon Ziegel oder gar Schornsteine von den Dächern. Beben von der Intensität 8 und mehr verursachen Katastrophen mit zahlreichen Hauseinstürzen und allgemeiner Panik, wie wir das vor kurzer Zeit in der Türkei aus der Ferne miterleben mußten. Dort waren allerdings wegen unverantwortlich schlechter Bauausführung ganze Häuserzeilen schon bei einer Bebenintensität von nur 6 eingestürzt.

Bei der Risikoabschätzung in Deutschland gehen die Geologen und Seismologen davon aus, daß für die drei Regionen erhöhter Gefährdung im Mittel alle tausend Jahre ein Beben mit der Intensität 8 auf der Mercalli-Skala eintreten kann.

Die Bewohner dieser Regionen sind sich ihrer besonderen Situation mehr oder weniger bewußt. Sie haben sich in vielen Fällen, wenn auch nur in Unkenntnis der Sachlage an die besonderen Verhältnisse gewöhnt, zumal sie in wesentlich kürzeren Abständen als anderswo kleine Erdbeben über sich ergehen lassen müssen ohne das besonders tragisch zu finden. Natürlich ergänzt das Erdbebenereignis auch bei ihnen den Inhalt des gelegentlichen Plausches mit Nachbarn oder Freunden für wenige Tage.

Das sonderbare Verhalten der Haustiere vor und während des Bebens ist dabei von besonderem Interesse. weil es vielen Menschen mysteriös und daher unheimlich vorkommt: Nicht von ungefähr, ist es doch bei Tag meist eine kurze aber deutlich wahrnehmbare eigenartige aber nicht deutbare Stagnation, die einem vor Beben befällt. Die Vögel verstummen, die Hunde verschwinden lautlos von der Bildfläche.und, wie oft beobachtet, ebbt ein vorher wahrnehmbarer Wind spontan ab zu einer dumpfen drückenden Windstille. Die Wissenschaft konnte bis vor einigen Jahrzehnten noch keine plausible Erklärung dafür abgeben.

Sichere Erdbebenvorhersagen sind auch heute noch nicht möglich. Als Vorboten werden in der Wissenschaft instrumentell meßbare Hebungen oder Senkungen und auch Horizontalverschiebungen der Erdkruste gewertet. Das besondere Verhalten von Tieren wird auf die dadurch verursachten Veränderungen des erdmagnetischen und erdelektrischen Feldes zurückgeführt. Manche Tierarten verfügen eine den Menschen überlegene Ausstattung von Sinnesorganen mit denen sie die besonderen Verhältnisse kurz vor einem Beben mehr oder weniger intensiv wahrnehmen können.

Der Verfasser ist in einer kleinen Gemeinde in der Baaralb, einer sehr reizvollen Landschaft unmittelbar am Rande der erdbebengefährdeten Schwäbischen Alb geboren worden und ist dort in den zwanziger und dreißiger Jahren auch aufgewachsen. Erinnerungen an eine Reihe von Erdbeben gehören zu seinem Erfahrungsstatus.

Die Bewohner der Ortschaft waren seinerzeit zum überwiegenden Teil selbstversorgende kleinere Landwirte. Neben dem üblichen Viehbestand, ein paar Kühe und Schweine, war eine kleine Schar von Freilaufhühner mit Hahn obligatorisch. Der Freilauf bedeutete nicht etwa das Vorhandensein eines Grasgartens als Hühnerweide, vielmehr wurde die Hühnerschar frühmorgens auf die Dorfgassen entlassen, wo sie vorwiegend die vor jedem Anwesen befindliche Miste, zu hochdeutsch „Dunglege“ bevölkerten. Diese Gassenhühner hatten eine beinahe penetrante Eigenschaft. Genauso pünktlich wie sie in der Frühe kurz nach dem Hahnenschrei entlassen werden wollten, kehrten sie schon am späten Nachmittag in ihren Stall zurück und bevölkerten ihren jeweils angestammten Sitzplatz auf der Stange. War nun ein Erdbeben im Anzug, verkrochen sich die Hühner wenigstens eine Viertelstunde vor dem Ereignis auf ihre Stange, auch wenn das schon vormittags der Fall war. Natürlich brachte diese Viertelstunde Vorlauf als Warnung vor dem bevorstehenden Beben aus vielerlei Gründen gar nichts, weil sie in aller Regel den Bewohnern in ihrem alltäglichen, oft auch stressigen Tun erst nach dem Beben bewußt wurde. Über diese zwar angepaßten aber selbstbewußten Gassenhühner gebe es noch einiges zu berichten, Verhaltensidyllen, die nicht wiederbringlich verloren sind.

Auch in unserer Region, einschließlich des Drachenfelser Ländchens, ereignen sich überdurchschnittlich viele Erdbeben. Monatlich mehrere, die ihre Ursachen wohl in dem auch heute noch andauernden Vulkanismus der Osteifel haben. In der überwiegenden Mehrzahl sind es sehr schwache Beben, die zwar seimisch messbar sind aber nicht wahrgenommen werden. Nur alle paar Jahre ereignet sich auch hier ein Beben, das die Menschen aufscheucht. So geschehen auch beim letzten Beben am 20.Januar dieses Jahres, das dem Verfasser Situationen und Verhältnisse in seiner frühen Jugend deutlich in Erinnerung brachte. Das Epizentrum lag dicht auf bei Adendorf. Für dort wurde eine Intensität von 2-3 nach der Mercalli-Scala registriert.

Karl Fuß



Das Erdbeben vom 20. Januar 2000 in Wachtberg

in persönlichen Berichten aus Niederbachem

Ich war kurz vor vier Uhr wach. Ich hörte die Kirchenuhr schlagen. Dann flog ein Flugzeug über Niederbachem. Plötzlich gab es einen Knall, die Fenster klirrten und ich spürte eine waagerechte Bewegung, ein Schaukeln. Ich wußte sofort, daß es ein Erdbeben war. Ich war im Nu aus dem Bett. Instinktiv schnappte ich meine Kleider und holte einen dicken Pullover, denn es hätte ja noch weitergehen können. Aber es war schon vorbei. Mein Mann und ich gingen ans Fenster und sahen, daß die Nachbar rundum Licht hatten.
A.T.

Ich war wach. Plötzlich rummelte es und das Haus zitterte. Davon wurde mein Mann wach. „Das ist ein Erdbeben“, sagte er - und da war es auch schon vorbei. Wir lagen ganz ruhig und uns wurde bewußt, wie ausgeliefert man einem solchen Naturereignis ist. Dieses Beben war viel schwächer und kürzer als das Roermondbeben 1992.
C.L.

In meiner Familie bin ich als Langschläfer gut bekannt. Als ein Mensch, dem man das Bett „unter dem Hintern wegtragen kann“, wurde ich in der Nacht vom 19ten auf den 20ten Januar dieses Jahres von einem Vibrieren und Rumoren wach. Ich dachte zunächst es sei im Keller unseres Hauses und sofort viel mir die etwas ältere Heizungsanlage ein. Mein erster Gedanke war „das war dann wohl unser Heizkessel, jetzt ist er explodiert“. Aber das Geräusch verstummte und so beschloß ich, daß es wohl ein leichtes Erdbeben war und schlief ruhig weiter. Meine Familie, die - so wird mir erzählt - die halbe Nacht wach liegt, schlief ruhig und hatte nichts bemerkt.
Am nächsten Morgen beim Frühstück - welches ich als der absolute Morgenmuffel normalerweise wortlos zu mir nehme - sagte ich zu meinem Mann: „Heute Nacht hat das Haus gewackelt“. Er sah mich an, rollte mit den Augen und sagte nichts. Vermutlich dachte er ich wäre vollkommen durchgedreht. Knurrig sagte ich nichts mehr. Erst als ich meine Tochter zur Schule brachte und im Autoradio ein Bericht über das Beben kam, wurde meine Laune wieder besser.
C.K.

Des öfteren kann ich nachts nicht schlafen. Ich stehe dann auf, gehe ins Wohnzimmer, genehmige mir einen Schluck Wein und lese in unseren Büchern. So auch am 20.1.2000 frühmorgens einige Minuten vor 4 Uhr. Ich hatte kaum das Wohnzimmer betreten, als plötzlich eine kleine Bronzeplakette, die im Bücherregal lose gegen ein Buch gelehnt stand, herunterfiel. Alsdann begann ein unheimliches, starkes Brausen, als ob der ICE durch den Keller führe. Nach Sekunden war alles wieder still. Mir kam die Idee, dass dies wohl ein Erdbeben gewesen sein könnte. Ich schaute hinaus, ob in der Nachbarschaft Lichter angegangen sind. Aber in den Häusern blieb alles dunkel. Die Nachbarn schienen einen guten Schlaf zu haben. Nachdem nichts weiteres geschah, ging auch ich wieder schlafen.
H.D.W.

Ich erwachte am 20. Januar durch eine schaukelartige Bewegung meines Bettes, wie in einer Hängematte oder einem leicht schlingernden Schiff, und schaute auf die Uhr, die 4 Uhr 3 Minuten zeigte. Da ich in meiner Kindheit und Jugend mehrfach Erdbeben erlebt hatte, kannte ich diese typische Wellenbewegung und sagte sofort zu meiner Frau, die ebenfalls aufgewacht war: „Das war ein Erdbeben“. Sie hatte nur ein außergewöhnliches Geräusch wahrgenommen und vermutete daher ein tieffliegendes Frachtflugzeug. Vorsorglich machte ich Licht, erwartete weitere Erdstöße und suchte nach Licht in Nachbarfenstern. Da weder weitere Stöße kamen noch Lichter in Nachbarhäusern zu sehen waren, setzten wir nach kurzer Unterbrechung den Nachtschlaf fort. Am Morgen konnten wir im Haus keine Schäden oder Veränderungen feststellen, sahen aber dann durch Medienberichte unsere Erdbebenvermutung bestätigt.
H.U.